Er läuft immer alleine durch die Straßen der Stadt. Wenn ihr könnt, wechselt ihr die Straßenseite, um ihm nicht direkt zu begegnen oder die mutigen von euch starren ihn verwundert an. Das lässige Auftreten, die Tattoos und Piercings können ja nichts Gutes bedeuten, das denkt ihr. Schon weil ihr dunkle Musik aus seinen Kopfhörern vernehmen könnt, habt ihr Angst vor ihm. Er kann schon gar keinen Kontakt zu euch aufnehmen, weil ihr alle panisch die Straßenseite wechselt oder wegschaut. So geht er immer alleine durch die Straßen. Keiner interessiert sich für das hinter seinen blauen Augen. Keiner interessiert sich für ihn. Ihr wollt nur, dass er verschwindet.
Auch ihn interessiert das alles nicht. Er ist es schon gewohnt, nicht gefragt zu werden. Nichts gefragt zu werden. Keinen interessiert es, ob er einfach nur so aussehen will. Es passt nicht in die Gesellschaft und deshalb wird er angestarrt. Er ist eigentlich ein ganz normaler Kerl. Seine Schulzeit und seine Ausbildung hat er gemeistert. Doch dann kamen ihm Zweifel, ob das, was er tut, so richtig ist.
Deshalb ist er heute furchtbar aufgeregt, weil er die Chance ergriffen hat, etwas zu ändern. Vielleicht kann er dann endlich so viel verdienen, dass er anfangen kann, zu studieren. Bei den bisherigen Jobs wurde er leider nicht genommen. Er wurde nicht mal eingeladen, wahrscheinlich weil er so aussieht, wie er aussieht. Nun hat er Angst, dass es heute wieder nicht klappt. Es geht nicht um große Leistungen, das hatte man ihm versprochen. Aber das war vielleicht beinahe noch schlimmer. Schließlich geht es heute nur um ihn. Nur um seine Person. Das hat sie zumindest so gesagt. Eigentlich könnte dies was Gutes bedeuten, doch ihm macht diese Tatsache umso mehr Angst. Wer war er schon? Er hatte schöne blaue Augen. Aber was ist denn da noch? Er hofft, da ist überhaupt noch irgendetwas. Zögerlich geht er in Richtung Stadt.
Sie ist nicht weniger nervös als er. In ihrem Rollstuhl sitzt sie da und wartet auf ihn. Die Leute fragen immer wieder, ob sie nicht doch Hilfe brauche. Ein Mensch im Rollstuhl, der nur so herumsteht, ist vielen suspekt. Dass man einfach nur einmal auf eine Verabredung wartet, kommt hier niemanden in den Sinn. Wer hat schon Freunde und ein Leben in diesem Zustand. Sie ist aufgeregt und ihre Gliedmaßen gehorchen ihr noch weniger als sonst. Sie sitzt da mitten auf der Straße und denkt nach. Man will sich nicht von jedem helfen lassen. Sie braucht jeden Tag in der Woche jemanden, der ihr hilft, bei dem, was sie nicht kann. Ihre Assistenten helfen ihr, ihr eigenes Leben zu führen. Damit sie von ihrer Familie unabhängig sein kann, die in einer anderen Stadt wohnen. So wartet sie gespannt auf ihn. Vom Pflegedienst hat sie erfahren, dass er Anfänger ist und vielleicht etwas speziell, was immer das auch heißen mag.
Dann nähern sie sich gegenseitig. Er läuft auf sie zu und sie fährt auf ihn zu. Er weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Er hatte noch nie mit Leuten im Rollstuhl zu tun, aber sie sieht nett aus und begrüßt ihn ganz normal. Verwundert sieht er, dass sie geschminkt ist und sich verhält, wie sich halt Frauen in seinem Alter immer verhalten. Spontan kniet er sich zu ihr hinunter und umarmt sie zur Begrüßung.
In den nächsten Wochen lernt er, wo er ihr einfach ein bisschen mehr Zeit geben muss, weil sie Dinge auch selbst kann. Er lernt, wo seine Hilfe gebraucht wird und dass er sie dann einfach geben darf, ohne großes Nachfragen. Verwundert stellt er fest, dass sie Sport macht, feiern geht und über seine dummen Witze lachen kann. Kein Anzeichen von Traurigkeit. Irgendwann traut er sich dann doch mal zu fragen, ob sie nicht gerne anders wäre. Da lacht sie erst herzlich. Er kommt sich ziemlich blöd vor. Doch dann stellt sie ihm eine Gegenfrage: Würdest du deine Piercings und deine Tattoos plötzlich aufgeben wollen? Gehört das nicht auch irgendwie zu deiner Person?
Er überlegt sich, ob alle Frauen im Rollstuhl so sind und dann überlegt er, dass ja auch nicht alle fußläufigen Frauen gleich waren.
Langsam gewöhnt er sich an alle Besonderheiten, die ja auch irgendwie jeder Mensch hat. Er sieht jetzt die Einschränkungen nicht mehr und findet seinen Job cool. Ein paar Monate später gehen sie gemeinsam durch die Straßen. Sie sind ein gutes Team geworden. Doch bei ihm trübt sich seit ein paar Wochen doch die Stimmung. Er arbeitet viel für sie. Es fühlt sich gar nicht an, wie Arbeit, sondern als würde er jeden Tag etwas mit einem Kumpel unternehmen. Nur seit Wochen fragt er sich, wie es wäre dieses Mädchen, das genauso doof angeschaut wird, wie er, zu küssen.
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