Wir stehen im Regen und der Winter fängt gerade langsam an, seine Fühler auszustrecken. Meine Koffer sind schon längst in einer anderen Wohnung. Meine Sachen haben sich schon eingelebt, wie ich auch.
Es hat langsam mit uns angefangen. Wir haben uns beschnuppert. Immer wieder kennen gelernt, bis wir uns schließlich in- und auswendig kannten. Du hast mir Raum gegeben, um mich zu entfalten. Hast mir Dinge gelernt, die ich vorher noch nicht einmal kannte. Was mir zu schwer war, hast du mitgetragen. Wenn ich mal wieder mit dem Kopf durch die Wand wollte, kanntest du einen Weg außen herum.
Du hast mir vieles gelernt. Laufen und Sprechen. Du hast mir Meinungen gegeben, wo ich keine hatte. Hast mir Richtungen gegeben, wo ich keine fand. Entscheidungen trafen wir zusammen. Jetzt ignoriere ich deine Wegweiser, deine Schilder. Ich gehe in die andere Richtung, manchmal auch nur, damit ich nicht mehr in deine Richtung gehen muss. Manchmal muss ich zudem einfach mit dem Kopf durch die Wand. Meine Beine tragen mich jetzt ohne deine Stütze. Zwar manchmal nur wacklig. Öfters auch mal auf falsche Wege und Sackgassen, aber ich habe Vertrauen in sie, dass sie nicht brechen unter der Last. Wo früher ein zusammen war, bin ich jetzt alleine. Wir entfernen uns voneinander. Aber ich weiß, dass ich mich entfernen will.
Ich habe auf deine Meinungen und Erfahrungen gebaut. Es war eigentlich alles richtig, golden oder schön von dir. Auf dich konnte ich mich verlassen, du hattest immer einen Rat für mich. Du hast mir Geschichten erzählt, die ich nicht angezweifelt habe. Geschichten, wie du vorangekommen bist. Geschichten, wie ich es machen soll. Du warst der Berater in allen Lebenslagen. Jetzt, wenn ich mal ratlos bin, passen deine Tipps nicht mehr zu meinem Leben. Ich habe bessere andere Berater gefunden, die mehr Bescheid wissen als du. Manchmal frage ich dich trotzdem, ob du mir helfen kannst. Aber es ist schwer für uns beide zu akzeptieren, dass der andere auf einem anderen Pfad wandert.
Wenn ich dir dann Geschichten von meinen Leben erzähle, bist du verwundert und willst mich immer noch beschützen. Du bist überrascht, welche Wege ich einschlage. Dir ist nicht wichtig, was mir wichtig ist und worüber ich mir Sorgen mache, darüber denkst du manchmal nicht einmal nach. Das, was dir Sorgen bereitet, habe ich aber ganz gut unter Kontrolle oder es stört mich gar nicht, wie es jetzt ist. Deshalb ist es besser, dir manchmal nicht mehr alles zu erzählen. Wir sind uns beide manchmal der Trennung nicht bewusst, die schon längst vorbei ist. Am Anfang tat sie schrecklich weh, jetzt ist sie aber normal und zum Alltag geworden. Manchmal denke ich, dir ist sie gegenwärtiger als mir.
Ich habe dich so vermisst früher, als ich einmal nicht bei dir war. Du hast mich getröstet und glücklich gemacht. Du warst mir genug. Die kleine Welt war mir genug. Aber inzwischen ist es anders herum. Jetzt vermisst du mich, wenn ich einmal nicht nach Hause komme oder nicht telefonieren will. Mir reicht unsere Welt aber nicht mehr.
Ich will die große, komplette, ganze Welt. Ich entdecke alles selbst und finde andere Wege als deine. Ich weiß jetzt, dass ich nicht alleine bin, ohne dich. Es gibt andere Menschen in anderen Städten und sie sind auch für mich da. Sie kennen meine Probleme, weil sie sie selbst haben. Sie wissen, was los ist, ohne es erklären zu müssen.
Trotzdem liebe ich dich. Unsere Trennung ist keine, die weh tun muss. Wir wissen, dass wenn der Fuß doch mal bricht, wenn ich den Halt verliere, du noch für mich da bist. Aber du musst dich daran gewöhnen, dass ich jetzt auch stark genug bin, dich zu tragen. Du bist nicht mehr alleine stark, ich bin es jetzt auch. Das Du in dem Text seid ihr, meine Eltern, und das Ich ist euer erwachsene Tochter. Der Regen auf meiner Haut ist nicht mehr der Feind.
