Tanz

Ich und du, wir waren ein gutes Team. Für lange Zeit haben wir unser Stück gemeinsam aufgeführt. Der Tanz des Lebens war unserer. Wir haben uns so lange aufeinander eingespielt, dass wir genau wussten, welcher Schritt auf den anderen folgte, welche Musik gespielt wurde und wann unsere Solos waren. 

Jetzt stehe ich zum ersten Mal allein auf der Bühne. Die Scheinwerfer sind auf mich gerichtet. Bin ich gut genug für einen kompletten Soloauftritt? Ich kann diese Frage nicht beantworten. Aber ihr, die anderen, ihr wartet. Ihr wartet auf meine Show, die sich Leben nennt. Ihr erwartet von mir, dass ich etwas bin, dass ich etwas abliefere und dass es verdammt nochmal interessant ist. Jetzt. Sofort. So muss ich ohne dich auftreten. Schließlich kann ich nicht mehr in deinem Ensemble mitmischen. Ich habe mich für die Solokarriere entschieden. Ich habe dich gekündigt. Ich muss jetzt also neue Schritte lernen, die nicht zu sehr von meinem alten Ich abweichen, damit man mich noch erkennt. Neue Schritte lernen, die nicht an das alte Versagen erinnern, die meine Solokarriere ankurbeln. Seht her, ihr kennt mich doch. Seht her, ich bin noch da. Neue Schritte, die schön aussehen, die neugierig machen. Seht her, ich kann ohne ihn. Ich bin toll. Ich bin großartig. Seht her, die Solokarriere war die richtige Entscheidung. Es war richtig. Richtig.

Da stehe ich nun und ihr sitzt da. Ihr sitzt da und wartet auf meine Show. Meine Bühne ist beleuchtet in alle Ecken und Winkel. Nun stehe ich da. Ihr sitzt da. Ich bin alleine. Ihr seid nicht alleine. Aber ich habe schon zu lange nicht mehr bei euch mitgespielt. Ich war ja ein Duo, ein gutes, hervorragendes Duo. Jetzt bin ich der Clown, der alle zum Lachen bringen soll, aber schwarze Tränen unter den Augen hat. Ich bin der Clown, der in einem Zirkus aus Glas gefangen ist. Heute Abend ist die große Show, die ich groß angekündigt habe. Heute Abend ist der große Auftritt meines fabelhaften Ichs. Ich bitte um großen Applaus, um euphorische Gesichter, um schöne Lichter und um Musik. Ich bin der Clown in dem großen Glaskasten. Ich bin ein Clown. Ich bin dein Clown. Die Show des Clowns ist ausverkauft. Heute Abend ist sie ausverkauft. Doch du hast es noch geschafft, Ehrengast zu werden. Meine erste Reihe ist immer noch deine.

So fange ich nun an, zu tanzen. Wie ein Kind bei den ersten Schritten. Zögerlich. Ich tapse vor mich hin, finde den Rhythmus nicht. Falle hin und stehe wieder auf. Das will doch keiner sehen, denke ich. Doch das Leben kennt kein Ende, außer den Tod und der ist mir dann doch noch zu früh. So mache ich trotzdem weiter. Stolpernd und nicht im Takt ziehe ich die Show weiter durch. Du schaust mir zu. Neugierig, was aus mir geworden ist. Ich mache Sprünge und Pirouetten. Ich mache Tempowechsel. Ich tue alles, was ich kann. Ich tanze und tanze. Tanze um mein Leben. Die Show war schon lange nicht mehr so gut. Sie bietet alles. Ich biete alles. 

Ich wachse über mich hinaus. Langsam gewöhne ich mich an das Alleinsein, auch wenn die Bühne viel zu groß für mich alleine ist. Mein Tanz wird schneller und schneller. Ich lege alles in diesen Tanz. Ich sehe nichts. Ich spüre nichts. Aber ich tanze trotzdem. Die Show muss weitergehen. Mir tun die Füße weh. Mir tut alles weh. Ich kann nicht mehr. Und ich glaube, ich will nicht mehr. Aber die Show muss weitergehen. Sie ist nicht für die Leute, mein Publikum. Sie ist auch nicht für mich. Nein, sie ist für dich. Plötzlich weiß ich, dass es so viel Kraft kostet ohne dich, weil ich es nicht will. Ja, ich könnte alleine auftreten. Ja, ich kämpfe mich ab. Aber wofür kämpfe ich überhaupt?

Die Show, mein Tanz ist für dich und so verändert sich alles. Ich nehme meinen Rhythmus. Mache, was ich für richtig halte. Ich lege mein Herzblut in diesen Tanz. Verdrehe mich in alle Richtungen. Mache Sprünge und Pirouetten. Immer schneller und schneller. Ich zeige alle Seiten von mir. Das Publikum ist nicht mehr mein Feind. Es ist jetzt meine Show. Aber ich bin nicht mehr dein Clown, sondern ich bin der Star. Plötzlich wollen mich alle sehen, um mich zu sehen und nicht um mich zu begaffen. Ich zeige, wer ich bin. Solo. Wer ich immer war, aber dachte, nicht sein zu dürfen. Jetzt tanze ich mit Herz. Mein Tanz zeigt mein Leben. Immer schneller kreise ich. Schneller. Schneller. So schnell, dass ich nichts sehe. Es dreht sich alles. Mir ist schwindelig. Aber ich mache weiter, weil ich muss und weil es auch irgend-wie Spaß macht. Ich tanze meinen Tanz. Ich tanze mein Leben. Es geht mir trotz-dem zu schnell. Ich möchte eine Stütze, nicht weil ich sie brauche, sondern weil ich sie möchte. Es dreht sich und dreht sich. Plötzlich hält mich etwas sanft an. Jemand umarmt mich und tanzt mit mir. Es bist du. Du gibst mir wieder deinen Rhythmus vor, weil ich ihn in dem Moment annehmen will.

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