Wie weit

Schau dir den Himmel an. Wie ein großes Zelt spannt er sich über dich, so als würde er dich beschützen wollen. Er ist so riesig, aber manchmal hast du fast das Gefühl, er ist dir so nah, dass du ihn berühren könntest. Dann legt er eine Decke über alles und beruhigt dich für einen Moment.
Wenn du dieses Himmelszelt betrachtest, weckt das in dir das Gefühl, dass alles schon da ist, auch wenn du es noch nicht siehst. Auch wenn nicht alle Sterne zu jedem Zeitpunkt zum Vorschein kommen, sind sie trotzdem da. Ich, für meinen Teil, habe Respekt vor dem Großen und Ganzen, wie sich alles gegenseitig beeinflusst. Aber ich lasse mich trotzdem fallen und vertraue darauf, dass mich irgendjemand auch wieder auffängt.

Schau dir das Meer an. Es spielt an deinen Füßen. Die Wellen kommen und gehen, ohne Eile. Immer der gleiche Rhythmus, immer wieder. Das Wasser bringt etwas mit, aber gleichzeitig nimmt es auch etwas von dir. Nicht ist von Dauer in diesem schönen Kosmos. Du kannst nichts Festhalten. Warum versuchst du es immer wieder? Entkrampfe deine Finger, die versuchen, die Sachen, die dir wichtig sind, zum Bleiben zu bewegen. Öffne deine Hand und halte sie in die Meeresbrise. Lass alles los und vertraue darauf, dass die gute Erinnerung in dir weiterlebt. Lass los und vertraue darauf, dass das Schöne noch ein bisschen bleiben mag. Lade es ein, sich doch noch eine Weile zu dir zu setzen. Umarme es, aber halte es nicht fest. Ich weiß, du möchtest nicht, dass es vorbei geht. Möchtest, dass dieser Moment ewig währt. Doch merkst du nicht, dass der Moment sich gar nicht entfalten kann, wenn du ihn so krampfhaft festhältst? Lasse den Moment mit dir atmen und du siehst, wie das Meer in den Rhythmus miteinstimmt. 

Jetzt kannst du den Wolken all deinen Ballast und deine Sorgen mitgeben. Sie nehmen beides einfach in sich auf, so dass sie es forttragen können. Sie schützen dich. Wenn sowieso alles seine Zeit hat, in der es kommt, aber auch wieder geht, musst du dir auch keine Gedanken mehr über dein Leben machen. Zweifel nicht an dem, was du bisher getan und erlebt hast. Verzweifle nicht an dem, was du angeb-lich noch tun solltest und an dem, was du gerade tust. Es ist sowieso alles bald vorbei. Alles zieht weiter, wie die Wolke dort oben. Du darfst stattdessen loslassen und die Sonne genießen. Du musst nicht im Dunkeln bleiben. Gehe einfach mit ihr. Es wird schon der richtige Weg sein. Das einzige, was du wirklich machen kannst, ist dir alles auf dem Weg genau anzusehen. Sauge alles auf dem Weg in dir auf, denn das Einzige, was dir nicht entgleiten kann, sind deine Erinnerungen. An diesen Tag. Aber auch an alle anderen Tage. Bis du irgendwann selbst nicht mehr bist.

Weißt du, dass du das Kostbarste immer bei dir hast und du es in der Hand hältst, ohne dass du es merkst? Ist dir bewusst, dass es jede Sekunde weniger wird? Es ist die Zeit, deine Zeit, die mehr wiegt, als alles andere. Kein Geld, kein Ding und auch keiner deiner Mitmenschen kann dir die Zeit ersetzen, die dir noch bleibt. Dei-ne Zeit, die dir jetzt, in diesem Moment, durch die Finger rinnt. Denke an die Wellen, die sich nähern und dann wieder entfernen. Die Sonne und die Sterne, die ab-wechselnd über alles ihr schönes Himmelszeit ziehen.

Bist du dir sicher, dass du schon alles erlebt hast, was die Welt dir zu bieten hat? Ganz sicher? Wirklich sicher? 

Wenn du jetzt nicht mehr sein dürftest, wäre es in Ordnung für dich, dass es dein Ende ist? Jetzt? Sofort?
Hast du denn deiner Zunge schon alles schmecken lassen, was die Welt zu bieten hat? Weißt du, wie das Meer schmeckt? Und wie die Erde? Weißt du überhaupt, was alles Geschmack hat? Was ist der beste Geschmack in der Welt für dich? Hast du ihn schon probiert? Oder meinst du, da kommt noch was?
Hast du deine Nase schon alles riechen lassen, was in dieser Welt Geruch verströmt? Weißt du, wie deine Heimat riecht und wie das entfernteste Land? Magst du lieber was Vertrautes riechen oder riechst du eher das Abendteuer? Musst du dei-ne Nase weit tragen, um sie zufrieden zu stellen oder hat sie schon das Interessan-teste gefunden?
Durften deine Augen schon alles sehen, was es zu sehen gibt? Hast du schon dei-ne Muse gefunden, die dich immer wieder antreibt? Wurde vor deinen Augen schon einmal Unglaubliches wahr?
Durfte deine Haut, durfte dein Herz schon alles fühlen, was möglich ist? Bist du zufrieden mit dem, was du bist? Was dich und deine Erlebnisse ausmacht? Oder gibt es noch etwas, was du unbedingt tun musst?
Gib dir selbst das größte Geschenk! Gib dir Erlebnisse. Lass den Tag nicht verge-hen, ohne an die Wellen zu denken, die kommen und gehen. 
Die Erde ist weit! Weißt du schon, wo dein nächster Schritt dich hinführen soll? Lass die Wellen kommen und gehen.

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